Kap 5: Der Student

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Kap 5: Der Student

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K. hatte wie gesagt die Matura geschafft, er hatte auch das dunkle Kapitel Bundesheer abgeschlossen und wußte nun nicht so recht, was er nun weiter anfangen solle mit seinem Leben. Er hatte keine besonderen Ambitionen nun in seinen besten Jahren bereits in das Berufsleben einzutreten und beschloß daher irgendein Studium zu beginnen.

Er wußte lange nicht genau was er so studieren sollte aber er kannte jemanden, der einen Freund hatte, der wieder jemanden kannte der ein Landvermesser war. Diesen Landvermesser lernte er sogar persönlich kennen und dieser Landvermesser hatte es ihm einfach angetan. Plötzlich hatte er gar keine andere Wahl mehr und er geriet in den Bann dieser Wissenschaft. Ein Landvermesser wollte er sein: mit Skizzen und Plänen in der Hand, immer im Feld präsent, meist braungebrannt und immer etwas auswertend und zeichnend.

Auch die Mutter hatte in ihrem Beruf als Notariatsangestellte vereinzelt mit diesen Leuten zu tun und beschwerte sich häufig über die schlechten und für sie unlesbaren Pläne der einen und lobte die hervorragenden Pläne der anderen und fand daher die Idee gar nicht einmal so schlecht. Ab diesem Zeitpunkt brachte sie dann manchmal einige Planexemplare zur Ansicht nach Hause, aber K. konnte zu diesem Zeitpunkt noch herzlich wenig damit anfangen.

Irgendwann im Sommer reiste er dann in die Bundeshauptstadt nach Wien, um sich einen Eindruck von der Uni und dem was ihn da erwartete zu verschaffen. Es war abgesehen von diversen Besuchen von Fußballstadien sein erster richtiger Kontakt mit der Großstadt: irgend etwas war hier anders als am Land und er wunderte sich, daß ihn in der Straßenbahn alle so verständnislos anblickten, als er sie freundlich grüßte. Kein einziger erwiderte seinen Gruß und K. war leicht verunsichert.

An der Uni grüßte er dann besonders freundlich – wie es ihn seine Eltern gelehrt hatten – und besonders die Personen in den weißen Arbeitsmänteln, denn die konnten ja potentielle Professoren sein und da hieß es einen guten Eindruck zu hinterlassen. Aber auch die schüttelten meist verständnislos den Kopf und beachteten ihn einfach nicht. So stand er nun allein hier in dieser riesigen Universität und kam sich ganz klein und unbedeutend vor. Ein älterer Herr erkannte dann doch seine Sorgen und Orientierungslosigkeit und klärte ihn auf, daß erst in einer Woche Inskriptionsbeginn sei.

Besonders angetan war er nicht von diesem ersten Kontakt mit seiner Universität und er beschloß zumindest nächste Woche etwas später anzureisen. Das hätte er aber besser nicht tun sollen: hunderte Studenten standen bereits Schlange und rauften sich um die vordersten Plätze – knapp vor Mittag hatte er es aber doch geschafft und knallte seine Dokumente auf den Tisch, beantwortete ein paar Fragen, füllte noch ein paar Zettel aus und war ab diesem Zeitpunkt ein vollwertiger Student mit Studentenausweis und Studienbuch.

Er benötigte nun mehrere Tage um alle relevanten Vorlesungen und Übungen zu finden – vielleicht auch deshalb weil er die vor den großen Aushangtafeln herumstehenden Studenten sorgfältig musterte und beobachtete für welche Veranstaltungen sie sich interessierten – jeder konnte ja sein Studienkollege sein. Tatsächlich fand er bald einige die auch die Landvermesserei studieren wollten – warum wußten auch sie nicht so genau aber die meisten hatten ein Interesse an Mathematik was für dieses Studium halt eine wichtige Voraussetzung war.

Am ersten Vorlesungstag war dann das Geheimnis gelüftet und ungefähr 30 Studenten warten im kleinen Hörsaal darauf, was die Zukunft bringen würde. Sie wurden darüber informiert, daß sie wahrscheinlich eine interessante Ausbildung erwarten würde, daß das Ansehen des Landvermessers verglichen mit den anderen Technikern eher gering sei und daß naturgemäß fast 50 Prozent der Studierenden auf der Strecke bleiben was die Chancen für die Übrigen natürlich wieder verbessern würde.

In den ersten Wochen und Semestern gab es vorwiegend allgemeine Vorlesungen, in denen man mit Kollegen auch aus anderen Studienrichtungen wie dem Bauingenieurwesen oder Maschinenbau zusammentraf. Da waren plötzlich nicht 30 Leute sondern 300 Leute anwesend und die Hörsäle waren zum Bersten voll. Selten hatte er so geschwitzt wie in den überfüllten Hörsälen seiner ersten Studienjahre – und nicht vielleicht wegen der attraktiven Technikerinnen. Mädchen gab es fast keine hier und die wenigen waren ohnehin gut betreut – er hätte auch keine Zeit für sie gehabt, denn er hatte zu Beginn große Mühe das Vorgetragene auch nur annähernd zu verstehen. Alles war so wissenschaftlich hier und all das was er im Gymnasium spielend leicht verstanden hatte, wurde hier unter anderen Begriffen unter einem anderen Deckmantel vorgetragen und die Professoren gaben sich alle Mühe dies vor den Studenten zu verheimlichen. K. hatte aber bald die Zusammenhänge durchschaut, fand die Parallelen zu seinem im Gymnasium angeeigneten Wissen und bekam die Sache immer besser in den Griff.

Auf eine Frage des Professors vor 300 Studenten eine Antwort zu geben war aber etwas anderes als früher: obwohl er die richtige Antwort wußte, stotterte er irgend etwas in den Saal und erheiterte damit Kollegen und Professoren und daher schwieg er bald nur mehr: Mitarbeit war hier in dieser Anonymität offensichtlich nicht notwendig – sollten es doch die anderen sagen, er wußte es ohnehin und brauchte es auch niemand zu beweisen. Bald lichteten sich die Reihen, denn es waren erstmals brauchbare Skripten erschienen in denen man das Meiste ohnehin nachlesen konnte.

Nur K. blieb stur und unbeirrbar und ließ sich nur selten von seinen Kollegen überreden, die eine oder andere Vorlesung ausfallen zu lassen, ein kleines Bier zu trinken oder das Studentenleben überhaupt mehr zu genießen. Er hatte seinen Eltern versprochen die Sache nach 5 Jahren termingemäß in der vorgeschriebenen Zeit zu beenden und was K. versprochen hatte hielt er auch in der Regel. Jeden Tag nahm er die lange Anreise auf sich und fuhr mit dem überfüllten Zug nach Wien und am Abend wieder zurück: er kam nicht einmal auf die Idee sich nach einer Studentenwohnung umzusehen – seine Eltern hätten das aber wahrscheinlich ohnehin nicht finanziert. Später konnte er ja machen was er wollte aber jetzt war er noch zu hundert Prozent abhängig von seinen Eltern und hatte daher das zu tun was sie wollten: und da konnte er auch schon über 20 Jahre alt sein: in den genauen Aufzeichnungen über das Taschengeld konnte man ja jederzeit nachlesen, was der Bub den Eltern kostete.

Natürlich gab es vor allem nach einer bestandenen Prüfung auch Grund zum Feiern und er machte gelegentlich einen Abstecher in die Studentenbuden seiner Kollegen oder in die benachbarten Gasthäuser – vorwiegend zum Karlwirt: pünktlich um 23:45 fuhr er aber mit dem letzten Zug nach Hause und die eigene Alkoholisierung ließ ihn die Alkoholisierung der anderen späten Gäste dabei leichter ertragen. Obwohl er erst weit nach Mitternacht zuhause ankam, stand er um 7:15 schon wieder pünktlich am Bahnsteig und besuchte pflichtbewußt Vorlesungen und Übungen. Im Studentenheim hätte er sich wahrscheinlich die Bettdecke über beide Ohren gezogen und hätte richtig ausgeschlafen, zuhause war Mutter Maria allerdings unerbittlich und lüftete pünktlich um 6:45 das Schlafzimmer, begrüßte ihn freundlich und befragte ihn über die Geschehnisse des Vortages - und so hatte K. eigentlich gar keine andere Wahl.

Irgendwann waren die allgemeinen Vorlesungen vorbei, es ging nun ans Eingemachte und endlich wurde ihm nun Wissen am Sektor der geliebten Landvermesserei vermittelt. Das Rechnen mit dem Logarithmenbuch begeisterte ihn allerdings recht wenig und das geodätische Zeichnen schon gar nicht: er hatte bereits so etwas wie Haßgefühle gegen diesen überheblichen Assistenten in seinem weißen Arbeitsmantel, der die Zeichenarbeiten zu begutachten hatte. K. sah eigentlich überhaupt keinen Sinn in dieser Übung, bemühte sich aber trotzdem redlich und versuchte möglichst wenig von den vorgeschriebenen Normen abzuweichen. Der junge Assistent wand sich aber trotzdem meist in Krämpfen, war persönlich betroffen von dem Dargebotenen und ließ erst im 3. Anlauf Nachsicht walten. Einige Kollegen scheiterten aber bereits an dieser Hürde, versuchten ein anderes Studium oder verließen überhaupt die Uni.

Die Vorlesungen und Übungen wurden von Tag zu Tag schwieriger aber im gleichen Maße auch interessanter. Neben der herkömmlichen Landvermesserei hörte man auch etwas über die höhere Geodäsie und Astronomie: es war schon interessant mit Hilfe des Sternenalmanachs aus den Messungen zu den Sternen oder Planeten die Position auf der Erde ziemlich genau bestimmen zu können. Die Nachtübungen in Astronomie hatten ihren besonderen Reiz: das leichte T-Shirt reichte allerdings meist nicht für die Nacht und so stand K. zitternd am Dach des Institutsgebäudes und fand unter diesen Bedingungen nur schwer die Sterne.

Die Feldübungen waren überhaupt die eigentlichen Höhepunkte der Studienzeit: hier kam man sich auch privat näher, man lebte auch auf engstem Raum zusammen aber anders als früher in der Kaserne: man hatte gemeinsame Ziele, man mußte und wollte sich gegenseitig helfen und man hatte viel Spaß miteinander. Auch Professoren und Assistenten lernte man näher kennen und verstehen. Der einzige Nachteil war auch hier, daß man wenn man über den Durst getrunken hatte am nächsten Tag so seine Probleme hatte. Da man aber meist in Gruppen zu 4-5 Personen eingeteilt war, konnte man sich sogar einen Ausfall von 2-3 Mann leisten und die gestellten Aufgaben konnten bei vollem Einsatz der übrigen Gruppenmitglieder auch noch bewältigt werden. Einmal schlief K. nach einer durchzechten Nacht tatsächlich während eines längeren Meßvorgangs ein, nachdem er sich kurz in die Wiese gelegt hatte, und erwachte erst als seine Kollegen schon fort waren – er fand nie heraus ob man ihn wirklich nur vergessen hatte oder ob sie dies mit voller Absicht getan hatten.

Nach einem Totalausfall war man am nächsten Tag schon alleine wegen des schlechten Gewissens natürlich besonders engagiert, hastete von einem Standpunkt zum nächsten, drehte das Meßgerät unermüdlich im Kreis, nahm die erforderlichen Ablesungen vor und zeichnete alles genau auf. Am Abend saß man wieder gemütlich beisammen im idyllischen Gasthaus am Fuße der Hohen Wand, irgendwo im Burgenland oder in Thaya an der Thaya. Diese Übungen waren im Unterschied zu den Vorlesungen und Rechenübungen keine echte Hürde: hier galt es eher Kameradschaft und Trinkfestigkeit zu beweisen und dem alten Spruch gerecht zu werden: „ein Vermesser der nicht säuft ist wie ein Radl das nicht läuft".

Die meisten Lehrer waren gerecht und berechenbar, bei den anderen hatte K. zumindest Glück keinen ihrer schlechten Tage erwischt zu haben und so war bald der erste Studienabschnitt erledigt. Auch den zweiten Abschnitt begann er mit großem Elan, gelangte aber in der Zielgeraden doch irgendwie zur Erkenntnis, daß das Studieren nicht alles sein könne im Leben. Auch wenn er dagegen ankämpfte konnte er sein Interesse für das andere Geschlecht nicht mehr leugnen – und wenn es schon unter den Studentinnen keine große Auswahl gab, mußte er sich wohl woanders umsehen. Er schloß sich unter dem Deckmantel eines Interesses an den Religionen dieser Welt einer katholischen Jugendgruppe an und diskutierte bis spät in die Nacht hinein über Gott und die Welt: in Wirklichkeit hatte er nur Augen für die zugegeben nicht wirklich unhübschen Mädchen dieser Gruppe.

Auf einem gemeinsamen Schikurs lernte er dann erstmals eine Mädchen näher kennen: eigentlich gehörte sie gar nicht direkt dieser Gruppe an sondern war nur die Freundin einer Freundin: Adelheid war nicht besonders zufrieden mit ihrer Beziehung und da kam dieser K. mit seiner Unerfahrenheit gerade recht. Ja diese erste Liebe war schon etwas anderes als ein Tor beim Fußballspielen oder ein richtiges Rechnenergebnis: er hatte erstmals diese wunderschönen Schmetterlinge im Bauch. Adelheid warf ihn dann tatsächlich im Studium zumindest ein Semester zurück und erst als diese erste Beziehung in Brüche gegangen war und er wieder Herr seiner selbst war, ging es wieder voran.

Am Ende hatte er es wirklich geschafft und er hielt genau nach 10 Semestern das heißbegehrte Diplom in seinen Händen: das Diplom der Landvermesserei das ihn berechtigte Vermessungen jeglicher Art durchzuführen. Eine kleine Familienfeier im Anschluß an die Sponsion rundete die Sache ab und er hatte erstmals das Gefühl, daß sein Vater wirklich stolz auf ihn war - auch wenn er noch immer keinen Nagel gerade einschlagen konnte: an diesem Tag war das egal!

 

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