Kap 28: Chat mit LadyLunaX

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Kap 28: Chat mit LadyLunaX

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Mit Affären verbindet man ja oft auch Beziehungen zum anderen Geschlecht, die man am besten hätte bleiben lassen sollen: aber damit hatten die vorhin erwähnten Affären wirklich nichts zu tun. Aber es gibt da schon noch andere Aspekte, die hier ebenfalls erwähnt werden sollten. Nachdem nun im Büro wieder alles recht gut lief und es dem Esel schon wieder einmal zu gut ging, verbrachte K. auch zuhause immer mehr Stunden vor dem Computer.

Es wurde jeden Tag später und später und K. fiel oft erst weit nach Mitternacht erschöpft in sein Bett. Dabei hatte er sich geschworen nur kurz in den Chat zu gehen und nur nachzuschauen wer da war, sich eventuell zu entschuldigen, daß er heute leider nicht lange bleiben könne, die Chatpartner nur zu begrüßen und erst gar keine Plauderei anzufangen. Aber aus Minuten wurden Stunden und aus Stunden wurde die halbe Nacht. Irgendwer war immer da, irgendwer hatte immer etwas Interessantes zu berichten: es waren meist ganz banale Dinge, nichts Anrüchiges und schon gar keine erotischen Gespräche.

K. hatte nach solchen erotischen Gespräche überhaupt kein Verlangen, er war ja zuhause gut versorgt, aber dieses Medium, diese Technologie faszinierte ihn einfach und er fragte sich natürlich wer hinter den verrücktesten Nicknamen (Spitznamen) wohl stecken würde: wer war das, wie schaut der oder die aus, ist der oder die wirklich so wie beschrieben oder stimmt nicht einmal das Geschlecht? Manchmal konnte er sich der Chatpartner gar nicht erwehren und war direkt leicht gestreßt, ein anderes Mal wurde er den ganzen Abend überhaupt nicht beachtet und bekam keine Antwort. Auch er hatte sich einen Nicknamen zugelegt: „arnie4u". Viele meinten „4u" steht für „für dich" und fanden den Namen interessant, der alte Mathematiker K. meinte aber damit nur „40 und darüber" , das „u" stand hier als Unbekannte und ersparte ihm den jährlichen Wechsel des Nicknamen: ein 40-jähriger konnte ja nach 2 Jahren nicht noch immer „arnie40" heißen.

Aber es gab natürlich wohlklingendere Namen und besonders hatte es ihm „LadyLunaX" angetan: K. verband mit diesem Namen absolut nichts aber er klang interessant und gefiel ihm einfach: noch viel besser als „Ifigenie" mit der er schon seit Monaten chattete, die sehr an Literatur interessiert war und K. sogar inspirierte einen Roman zu schreiben: diesen Roman. Sie selbst hatte schon früher mit der Schreiberei begonnen und stellte ihre Aktivitäten nach einiger Zeit ein: K. zog allerdings sein Programm durch und nahm sich vor diesen Roman zu Ende zu bringen: koste es was es wolle. Er wäre sicher auch schon früher fertig gewesen, hätte er nicht diese LadyLunaX getroffen mit der er oft stundenlang hemmungslos chattete, die ihn immer wieder aufmunterte wenn er vor dem PC einzuschlafen drohte und die ihn durch ihre ungezwungene und nette Art begeisterte.

Jedesmal wenn er den Chat betrat wurde er sofort mit „Hi Arnie" begrüßt und wurde bald darauf ins Separee eingeladen oder lud von sich aus ein. Ein Separee – ein sogenanntes Sep – klingt zwar sehr intim, kann aber auch nur dazu dienen, sich einfach zwanglos mit einem anderen Chatter zu unterhalten, um dem allgemeinen und manchmal belanglosen Geplapper der großen Chaträume zu entgehen. Man kann sich ja kaum vorstellen wie schnell bei 50 Personen die Zeilen über den Bildschirm rasen können und wie schwierig es dann ist, die Antwort eines bestimmten Chatters zu finden. Im Sep war man ungestört und alles war viel übersichtlicher.

Manchmal hatte K. den Eindruck, LadyLunaX hätte gerne auch über andere Dinge gesprochen, aber da hatte sie überhaupt keine Chance bei K. – so wie auch alle anderen Chatpartnerinnen. Manche hielten ihn sogar für pervers, da er nicht so pervers war wie die vielen Perversen, aber K. wollte einfach nicht mit Menschen, die er ja nicht wirklich kannte und oder real gesehen hatte, über intime Dinge reden oder ihnen seine Geheimnisse oder Wünsche anvertrauen. LadyLunax meinte, daß man sich ja durchaus einmal unverbindlich auf einen Kaffee treffen könne und so weit entfernt war sie ja auch nicht von ihm. Sie hätte ja aus einem anderen Land kommen können oder einem anderen Kontinent, aber sie war zufällig sogar in der Nähe. K. lehnte diesen Vorschlag zuerst natürlich ab, denn er hatte sich geschworen nie jemanden aus dem Chat zu treffen: er war ja verheiratet und was hätte das schon bringen sollen.

LadyLunaX ließ allerdings nicht locker, bezeichnete ihn als feige und so groß könne seine Liebe zu seiner Frau ja nicht sein, wenn er einer Versuchung, die ja nicht einmal eine war, nicht widerstehen könne. Irgendwie fand K. dann diese Argumente recht logisch, erwachsen war er ja auch schon, das Bild der Lady war nicht so schlecht und Kaffee trank er ja auch gerne. Einfallslos und ohne Ideen wie er war überließ er ihr die Wahl der Treffpunktes und die Lady schlug ein Treffen in einer Bar in einem netten Hotel vor.

Den ganzen Tag hatte K. dann eine eigenartiges mulmiges Gefühl, bekam feuchte Hände und war ziemlich aufgeregt und nervös. Die Nervosität legte sich nicht als er dann in der Bar eintraf und dann das große Schild mit „Love Bar" las: hierher hatte sie ihn also gelockt, was hatte sie vor? Er wartete ungeduldig auf seine leicht verspätete Chatpartnerin, sprach mehrmals schon die falsche Dame an, stürzte hastig ein Achterl Rotwein hinunter und war dann angenehm überrascht als ein Neuankommende sich als LadyLunaX zu erkennen gab. Diese Frau sah wirklich toll aus, noch viel besser als er sie vom Foto her in Erinnerung hatte, hatte eine perfekte Figur und ein Lächeln das ihn von Beginn an gefangen nahm.

Schon lange hatte er sich nicht mehr so gut mit einer Frau unterhalten und schon gar nicht mit einer so attraktiven. Auch umgekehrt dachte er einen recht guten Eindruck hinterlassen zu haben und am Ende gabs sogar einen flüchtigen Abschiedskuß. Nie hätte er an mehr gedacht aber als sie ihn dann bereits verlassen hatte, machte er sich doch so seine Gedanken: „hätte die Lady vielleicht doch mehr gewollt?".

Auch die nächsten Tage ertappte er sich dabei, daß er mit seinen Gedanken noch in der Bar war, bei dieser geheimnisvollen Lady, die ihm im Dämmerlicht der Bar fast wie eine Göttin erschienen war. Er war bei der Arbeit unkonzentriert und sehr gespannt auf die Reaktion der Lady im Chat. Sie kam aber nicht und auch die nächsten Tage nicht: irgendwann meldete sie sich dann und meinte nur, daß ihr eine Beziehung mit einem verheirateten Mann nichts bringe. Sie hatte damit sicherlich recht, aber das hatte sie ja auch vorher gewußt und schließlich war man ja nur auf einen Kaffee gegangen. K. erhielt damit auch eine Bestätigung für seine Theorien über Verheiratete: „Spiele nicht mit dem Feuer, sonst könntest du dich eines Tages verbrennen" oder „Ist dir dein Gegenüber nicht sympathisch dann hättest du es bleiben lassen können, ist er dir sympathisch dann erst recht."

Irgendwie war er doch enttäuscht, enttäuscht darüber einen netten Menschen verloren zu haben, enttäuscht darüber sein Gegenüber vielleicht doch falsch eingeschätzt zu haben, vielleicht getäuscht worden zu sein. Er schränkte ab diesem Zeitpunkt seine Chataktivitäten deutlich ein und traf die geheimnisvolle LadyLunaX nie wieder – weder im Chat noch sonst irgendwo.

 

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