Kap 27: Internetaffären

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Kap 27: Internetaffären

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Dem interessierten Leser wird nicht entgangen sein, daß K. schon immer eine besondere Vorliebe für EDV hatte und er wird sich daher leicht vorstellen können, daß er sofort Feuer und Flamme war, als erstmals der Begriff „Internet" aufkam und er bald mit dieser neuen Technologie in Berührung kam. Nun war es doch tatsächlich möglich über unzählige Netzwerke und Server mit der ganzen Welt Kontakt aufzunehmen. Man konnte sich bequem zurücklehnen und sich durch die anfangs noch sehr spärlichen Angebote klicken, man konnte hemmungslos von einer Seite zur anderen surfen oder man konnte sich in irgendeinem Chat – in einer Plauderecke also – die Zeit vertreiben und mit den verschiedensten Leuten aus den verschiedensten Ländern vorwiegend in Englisch plaudern.

Natürlich war es schon etwas mühsam mit dem Wörterbuch in der Hand die Fragen der Chatpartner zu übersetzen und geeignete Antworten in einem vernünftigen Zeitintervall zu geben. Meist war der Chatpartner schon gegangen oder hatte einen anderem Partner aus einem anderen Land gefunden, der schneller reagierte als K. und die englische Sprache besser beherrschte. K. hätte nie gedacht, daß er dieses neue Medium so oft nutzen würde, und hatte sich daher nur notdürftig ein 10m-Kabel zugelegt, mit dem er bei Bedarf seinen PC bzw. seine funkelnagelneues Modem mit der Telefonsteckdose bei der Eingangstür zusammenschloß.

Angelika verfolgte dieses Treiben meist verständnislos, stolperte fast mit dem Wäschekorb über das Kabel, und auch die beiden Kinder schüttelten nur den Kopf, als K. auch durch ihre Zimmer das lange Kabel verlegte. Am Ende des Surfvergnügens blieb ihm natürlich nicht das mühsame Aufrollen des Kabels erspart und so beschloß er einen Kurzurlaub Angelikas zu nutzen, um dieses verdammte Kabel endlich fix zu verlegen.

Seit 10 Jahren hatte er eigentlich kein Handwerkszeug mehr benutzt aber für die Verlegung des Internetkabels erinnerte er sich doch wieder an seine sehr versteckten handwerklichen Talente und die Bohrmaschine, die sich irgendwo gut versteckt auf ihren ersten Einsatz freute. Er bohrte also mehrere Löcher, rechnete sich alles genau aus, verlegte die ersten Meter geschickt unter der Sesselleiste, preßte das Kabel in die engen Fugen des Türstaffels und redete sich ein, daß das sich das braune Isolierband nun ohnehin besser mache als die kitschige Aluminiumleiste vorher. Der weitere Weg war durch die nächste Sesselleiste vorgegeben, bevor er es in dem etwas groß geratenen Loch zum Vorzommer hin verschwinden ließ. Dort entfernte er das Dichtungsmaterial unter der Eingangstür, preßte auch dort das Kabel mit letzter Kraft durch und mußte 20cm von der Telefonbuchse enttäuscht feststellen, daß er sich offensichtlich verrechnet hatte: der Landvermesser hatte sich also vermessen. Er konnte aus den Sternen die Position auf der Erde bestimmen aber er konnte diese einfache Aufgabe nicht lösen.

Gut daß Angelika nicht zuhause war dachte er noch, bevor er denselben Vorgang noch einmal wiederholte: ein neues Loch zum Vorzimmer mußte er noch bohren und nach einer Stunde betrachtete er dann zufrieden sein Werk. Da nun einem ungetrübten Surfvergnügen nichts mehr im Weg stand, nahm er immer häufiger über sein Modem Kontakt mit der Außenwelt auf und kam bald auf die Idee sich auf einer eigenen Homepage zu präsentieren.

Er rechnete natürlich nicht damit, daß sich viel auf diese Seite verirren würden und er hatte ja eigentlich nicht viel anzubieten: er führte kein spektakuläres Leben, er war immer ein ehrlicher Mensch und daher konnte dies auch keine spektakuläre Homepage werden: seine Adresse, ein nettes Bild von sich und seiner Familie, ein paar Vorlieben und ein Hinweis auf die Firma in der er arbeitete und die – auch wenn es manchmal schwer war – auch zu seinem Leben gehörte: er wollte das gar nicht verbergen. Er hätte es ja ahnen können, aber er war wieder zu naiv, um das Unheil rechtzeitig zu erkennen: er wußte zu diesem Zeitpunkt nicht, daß sich dieser Link zur Firma noch zu einer verhängnisvollen Affäre entwickeln würde: zu seiner ersten Internetaffäre.

Er wollte mit diesem Medium nur spielen, er wollte einfach nur Neues entdecken, er dachte sich gar nicht viel dabei und daher tappte er geradeaus in die Falle die ihm Kollege Mattimgsicht stellte, der sich als neuer Internet-Verantwortlicher bei der ÖVU vorstellte und die Aktivitäten mancher Kollegen auf diesem Sektor aufs Schärfste verurteilte. Nicht daß er selbst nur irgendetwas von dieser Sache verstand, aber Alleingänge konnte er nicht dulden, denn er war dafür verantwortlich und schließlich hätte sich leicht jemand anderer einen schnellen Vorteil verschaffen können auf diesem neuen Sektor: da mußte Mattimgsicht extrem vorsichtig sein.

Mattimgsicht zeigte sich sehr kumpelhaft und so hegte K. überhaupt keinen Verdacht und meinte nur, er solle sich doch nicht so aufregen über die Aktivitäten dieser Kollegen, er selber habe ja auch eine private Homepage und es sei ja nichts dabei. Er bot ihm sogar an, ihn beim Aufbau einer Firmenhomepage zu unterstützen. Mattimgsicht war natürlich wahnsinnig an einer Zusammenarbeit interessiert und bat K. um seine Internetadresse. K. übergab ihm diese Adresse mit gewissem Stolz und der Bitte, die Sache vertraulich zu behandeln, denn man könne ja nie wissen. Eigentlich hatte K. dies eher scherzhaft gemeint ohne zu wissen, daß Stunden später bitterer Ernst daraus werden würde.

Mattimgsicht hatte nichts Besseres im Sinn, als sofort entgegen allen Vereinbarungen die einzelnen Seiten auszudrucken und zu Dörflinger zu laufen, um ihm von dieser skandalösen Affäre zu berichten. Schon wieder K. – immer wieder Probleme mit diesem K! Der große Vorwurf lautete diesmal: K. habe ohne Absprache mit der Geschäftsbereichsleitung nun einen Bezug zwischen seiner Person und der Firma hergestellt und man könne sogar meinen K. hätte eine wichtige Funktion bei der ÖVU bzw. leite sogar die ÖVU bzw. einen Teil davon. Auf diese Idee wäre sicher weder K. noch irgend jemand der sehr spärlichen Besucher gekommen aber das zählte alles nichts: sofort wurde ein Disziplinarverfahren angedroht, wenn die Seiten nicht augenblicklich verschwinden würde. Dörflinger griff selbst gar nicht ein, sondern ließ nur ausrichten und das war sicher nicht angenehmer.

So hatte diese grundsätzlich gute Idee wieder genau das Gegenteil bewirkt und K. mußte wohl oder übel vorübergehend seine Bemühungen auf diesem Sektor einstellen: aber er wußte es würde nur von kurzer Dauer sein, denn die neue Technologie war nicht aufzuhalten und bald würde das selbstverständlich sein, was jetzt noch mystisch war und vor dem sich zu diesem Zeitpunkt noch viele fürchteten.

Schon nach wenigen Monaten unternahm er wieder einen Vorstoß und war sich diesmal ganz sicher kein Problem zu bekommen. Er hatte viele Daten in seinen Archiven, jeder hatte einen Computer, alle Computer waren vernetzt, jeder hatte schon einen Internet-Browser und so war es naheliegend diese Daten, an denen doch viele Stellen Interesse hatten, über das firmeninterne Intranet anzubieten. Nirgends wären Mehrkosten aufgetreten, K. hätte ein paar Wochen seiner Freizeit für die Konzepte opfern müssen: wer hätte da wohl etwas dagegen haben können – eine todsichere Sache, die diesmal sicher zum Erfolg führen würde.

Die ersten Versuche liefen sehr erfolgreich, die ersten Reaktionen waren überschwenglich, alles schien in bester Ordnung und K. verfeinerte bis spät in die Nacht seine Konzepte. Da er wußte daß er ohnehin von niemanden eine Unterstützung erwarten konnte, zog er die Sache allein durch und fragte auch nicht viel – er wußte insgeheim auch warum. Als sein unmittelbarer Vorgesetzte Dr. Lehr , der in der Hierarchie zur Zeit zwischen K. und Dörflinger stand, von der Sache Wind bekam, rief er noch gezeichnet von der ersten Internetaffäre und beraten von zahlreichen Neidern K. in sein Zimmer und machte ihm die heftigsten Vorwürfe, ohne sich auch nur im geringsten für die Sache an sich zu interessieren: „K. du gefährdest die Netzwerkstabiltät", „K. du verwendest nichtregistrierte Programme", „K. du riskierst ein Disziplinarverfahren, wenn du die Sache weiter verfolgst".

K., der wieder einmal aus allen Wolken fiel, weil er von der Sache so überzeugte war wie noch nie von einer Sache zuvor, schrie seine Enttäuschung der letzten Jahre aus sich heraus: „Nie und nimmer werde ich das einstellen – nur über meine Leiche". Auch das Argument „Ich bin dein Chef – ich verlange das" war keine Abschreckung. „Dann mußt du ein Disziplinarverfahren einleiten" war die trotzige Antwort. Dann war es still und K. und Lehr würdigten sich keines Blickes mehr, auch die nächsten Tage blieb es still: man taktierte, man wartete ab was noch kommen würde und plötzlich kam sogar ein Lob von Dörflinger: „keine schlechte Sache" stand in seinem Gästebuch.

Lehr war noch immer nicht von der Sache überzeugt und meinte nur, daß es auf lange Sicht besser gewesen wäre die Sache einzustellen, aber er hatte durch Dörflingers stille Zustimmung auch keine wirklichen Argumente mehr dagegen. K. zog dieses Projekt daher weiter unbeirrt durch, verbesserte dieses und jenes, freute sich über die vielen Besucher, die täglich Informationen von seiner Homepage holten, einen Plan herunterluden oder sonst irgend etwas über die Landvermesserei wissen wollten. Damit war auch diese zweite Affäre überwunden und K. ging sogar gestärkt aus diesen Quereleien hervor und war wieder zuversichtlich was seine Zukunft bei der ÖVU betraf.

 

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