Kap 25: Die große Reform

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Kap 25: Die große Reform

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Wie immer sah man dem Wechsel an der Spitze der ÖVU sehr gelassen entgegen. Was sollte ein neuer Generaldirektor wirklich unternehmen können gegen die alteingesessenen ÖVU-Beamten und die bis auf Kaiser Franz Josef zurückgehenden altbewährten Strukturen und Abläufe? Er würde sich bald totgelaufen haben – wie seine Vorgänger halt – und aus der geplanten großen Reform würde wieder nur ein Reförmchen übrigbleiben, das wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Bald würde alles wieder im gleichen alten Trott dahinlaufen und die Gewerkschaft war bis jetzt ja auch immer ein sicherer Garant, daß es zu keinen größeren Veränderungen im Betrieb gekommen war.

Auf diese Gewerkschaft konnte man stolz sein, denn selbst wenn anderswo heftig diskutiert wurde über Privilegien und deren Abbau war man bei der ÖVU bis jetzt auf einer Insel der Seeligen. Man konnte gewiß unterschiedlicher Meinung sein über diesen mächtigen Apparat im Unternehmen aber zum Schaden der Mitarbeiter war diese starre Haltung und die Verteidigung der wohlerworbenen Rechte sicher nicht. Es gab natürlich dort und da Ungerechtigkeiten aber im Wesentlichen klappte alles ganz gut, die Verflechtungen zur Politik waren ausreichend vorhanden und wurden hervorragend gepflegt und so lief ohne dieser mächtigen Gewerkschaft nichts, rein gar nichts im Unternehmen.

Sicher waren die Generaldirektoren immer sehr bemüht Veränderungen herbeizuführen und auch der letzte strengte sich diesbezüglich sehr an, aber nach wenigen Monaten sah er wohl die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen ein, arrangierte sich mit dem Apparat und machte bald auch keine wirklichen Schwierigkeiten mehr.

Diesmal hatte man sich aber doch kräftig geirrt und nach wenigen Monaten hatte schon jeder begriffen, daß sich jetzt wohl mehr ändern würde als nur die Türschilder und die Namen der einzelnen Abteilungen. Dieser neue Besen kehrte offensichtlich wirklich gut: Herren in dunkelschwarzen Anzügen tauchten meist in Kleingruppen von 3 Personen auf und schleppten dicke Aktenkoffer in die Kommandozentrale der ÖVU.

K. wurde dann immer an diese spannenden Mafiafilme im Fernsehen erinnert, wo auch immer wieder Gestalten in dunklen Anzügen mit dicken Sonnenbrillen vorkamen: zu all diesen Mafiosi hätte er aber sicher mehr Vertrauen gehabt als zu diesen Gestalten hier – wer waren sie, was hatten sie vor? Wenn man nun weiß, daß es in diesen Filme immer ungeklärte Morde und Todesfälle gab und auch die ÖVU sicher dezimiert werden mußte, hatte man fast ein Gefühl des Unbehagens, wannimmer man diesen Leuten begegnete.

Bald wußte man aber: diese Leute waren keine Mafiosi, sondern nur die gefürchteten Unternehmensberater – eine Erkenntnis, die das Unbehagen nicht wirklich vertreiben konnte. Cool und lässig gaben sie sich, nie hatten sie ein Lächeln hinter der dunklen Sonnenbrille, nie erwiderten sie einen Gruß: Nähe aufzubauen zu jenen die abzubauen waren, wäre ja sicher auch nicht sehr sinnvoll gewesen. Nie sah man sie ein Wort sprechen und doch hatten sie offensichtlich viel zu sagen.

Auch K. war mit seinen Landvermessern von diesen Reformen betroffen: man mußte Leute abbauen und nicht nur einige sondern von Hunderten und Tausenden war die Rede. Die Landvermesserei war ab jetzt nicht mehr gefragt bei der ÖVU genauso wie viele andere Sparten. Diese Vermesser waren aber zugegeben wirklich nichts Gescheites: sie waren keine richtigen Bauingenieure und Kulturtechniker waren sie auch nicht und schon gar keine Juristen. Sie bewegten sich in Querschnittsfunktionen, die nicht so recht zu den Kerngeschäften der einzelnen Abteilungen paßten und waren daher besonders gefährdet. Sie hatten natürlich auch keine wirkliche Lobby – K. versuchte zwar zu retten was noch zu retten war, bemühte sich die Bedeutung und Leistungen dieser Gruppe immer wieder hervorzuheben, aber wer war K?. Er hatte ja selbst enorme Schwierigkeiten sich über Wasser zu halten und konnte daher mit seinen Bemühungen nur jämmerlich Schiffbruch erleiden.

Er hatte auch keine Kraft mehr immer wieder gegen den Strom zu schwimmen, mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen und gegen das Unheil anzukämpfen, das ohnehin nicht mehr aufzuhalten war. Was läuft bei solchen Reformen schon wirklich nach der reinen Vernunft oder nach dem Verstand: hier wird oft aus dem Bauch heraus entschieden und oft sind diese Entscheidungen gar nicht die schlechtesten.

K. verfolgte regelmäßig die herrlich aufbereiteten Diagramme, die in bestimmten Intervallen die Aufgaben, Funktionen und Personen der einzelnen Abteilungen neu verteilten: einmal waren seine Vermesser wieder in einem Organigramm vorhanden, da irgend jemand mit diesem Begriff gar nichts anzufangen wußte und sie daher in einer Liste vergaß, dann waren sie wieder weg, ein anderes Mal tauchten sie in einer anderen Abteilung wieder auf. Man hatte aber zumindest die Gewißheit: erschießen konnte man sie nicht – man konnte sie abschieben, man konnte sie teilweise in Pension schicken aber man konnte sie nicht erschießen.

Obwohl diese Gedanken gar nicht so abwegig waren: ein guter Bekannter aus der Personalabteilung bemerkte einmal beim Überqueren der Straße als man fast ein herannahendes Auto übersehen hätte: „Als Freund bin ich natürlich sehr froh, daß dir nichts passiert ist K., aber andererseits aus der Sicht des Unternehmens und bei deinem Dienstposten ...". Dabei hatte K. ja seinen langersehnten Dienstposten immer noch nicht bekommen, aber er wurde zumindest auch nicht mehr von anderen jüngeren Kollegen überholt, denn ab jetzt ging gar nichts mehr: es gab praktisch keine Beförderungen mehr, keine langfristigen Perspektiven und alle saßen im gleichen Boot.

Man rückte näher zusammen in der Not aber man war viel ernster geworden: der Druck auf den einzelnen wurde größer, der Wind blies viel rauher durch die Gänge der Generaldirektion und jeder harrte der Dinge die da noch kommen würden. Auch die Gewerkschaftsvertreter waren völlig ratlos: gerade sie, ohne die früher überhaupt nichts gegangen wäre und die in alle Entscheidungen eingebunden waren, wußten nichts oder gaben vor nichts zu wissen. Die Firma in der Firma hatte stark an Glanz verloren, war schwer angeschlagen und war praktisch nicht mehr existent. K. hatte früher die Allgegenwart der Gewerkschaft ja gehaßt aber ein wenig Präsenz hätte er sich doch manchmal in diesen schweren Stunden gewünscht: wofür zahlte man da eigentlich die Beiträge?

Für die Vermesser hatte endgültig die letzte Stunde geschlagen: sie wurden in eine andere Abteilung überstellt, manche verabschiedeten sich sofort in den Ruhestand und K. hatte eigentlich die gesamte Mannschaft verloren. Die neue Abteilung war um einiges größer und daher fielen sie dort nicht so sehr auf. Auch K. überlegte mitzugehen und schmiedete bereits Strategien wie man eine solche Gruppe in der neuen Abteilung möglichst wirtschaftlich führen könne. Doch er hätte für sein Vorhaben Verbündete und Förderer benötigt: kaum hatte er jemand für eine Idee gewonnen, war dieser gleich wieder woanders oder selbst in Pension. Er erkannte natürlich auch, daß auch in der neuen Abteilung niemand die höchstmögliche Wirtschaftlichkeit und Schlagkräftigkeit dieser Gruppe wollte, sondern ein möglichst langsames Dahinsiechen, daß letztendlich doch auch zu Tod der Gruppe führen würde.

Sterben wollte K. eigentlich noch nicht – dafür hatte er zu hart gekämpft – und so entschied er den Wechsel nicht mitzumachen und allein in seiner Abteilung die Agenden der Landvermesserei zu vertreten. Eigenleistung war nicht mehr gefragt und so mußte die Leistung verstärkt zugekauft werden und, dafür brauchte man natürlich auch jemanden.

Schon bald hatte K. erkannt, daß die neue Situation gar nicht so ungünstig war für ihn: man hatte ihm eigentlich gänzlich ungewollt jede Konkurrenz aus dem Weg geräumt, denn es gab niemanden mehr hier, der sich mit speziellen Vermessungsproblemen auskannte: daher kamen natürlich alle mit ihren kleinen oder großen Wehwehchen zu K. Er war zum absoluten Monopolisten geworden, zum Chefeinkäufer von Vermessungsleistungen, zum Herrscher über die Vermessungspläne, zum leidenschaftlichen Datensammler und brutalen Datenhai.

Langsam, ganz langsam begann man wieder aus dem Scherbenhaufen der zerschlagenen alten Abteilungen jene Scherben einzusammeln, die noch brauchbar waren und begann damit neue Einheiten zu formen. K. hätte es sich ja manchmal nicht mehr gedacht, aber er war auch zu gebrauchen. Sein altes Engagement kehrte zurück und er begann wieder unermüdlich zu arbeiten: aber er arbeitete nicht mehr so verbissen wie früher, er gab der Arbeit jenen Stellenwert der ihr auch zustand und konnte sogar in der Freizeit abschalten. Er hatte gesehen, daß vieles vergänglich war und einfach nur vom Zufall abhing – und zufällig hatte er diesmal halt Glück.

Die Herren mit den schwarzen Anzügen tauchten nur mehr gelegentlich auf, man sah sie sogar manchmal scherzen, die Aktenkoffer schienen nicht mehr so schwer und nach einigen Wochen waren sie gar nicht mehr gesehen. Sie hatten ihre Schuldigkeit getan, sie hatten alles zerschlagen und konnten nun gehen. Den Neuaufbau mußte die ÖVU selbst schaffen: es war ein harter und steiniger Weg aber wahrscheinlich der einzige gangbare bei einem derart großen Unternehmen mit derart gewachsenen Strukturen

 

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