Kap 24: Alles vergeben

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Kap 24: Alles vergeben

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Der alte Heidenreich hatte nun endgültig genug von der ÖVU und hatte nicht mehr vor all die sinnvollen und sinnlosen Veränderungen der geplanten Reform über sich ergehen zu lassen und beschloß endgültig in den Ruhestand zu treten. Von einem Tag auf den anderen entschloß er sich zu diesem Schritt, schloß die letzen Vergabeakte, verabschiedete sich von den wichtigsten Firmen und überließ die offenen Angelegenheiten seinem Nachfolger – wer immer das auch sein würde.

K. war zu diesem Zeitpunkt erstmals wieder voll auf der Höhe und spielte mit dem Gedanken die Agenden Heidenreichs zu übernehmen. Er wäre eigentlich der logische Nachfolger gewesen und hatte Heidenreich zuletzt immer wieder unterstützt - vor allem wenn es um EDV-Fragen ging. Doch Dörflinger hatte offensichtlich die Auseinandersetzungen der letzten Jahre nicht vergessen, argumentierte mit fehlender Loyalität und entschied letztendlich anders: „Kollege Strombacher ist der neue Vermessungschef" verkündete er knapp ohne K. nur eines Blickes zu würdigen anläßlich einer Besprechung zur Regelung der Nachfolge.

Natürlich traf diese Entscheidung den sensiblen K. wie ein Keulenschlag aber gestärkt durch die Literatur über positives Denken und die Psychopharmaka konnte er auch das wegstecken. Widerspruchslos nahm er die Entscheidung hin – was hätte er auch anderes tun können – aber unter dem Tisch ballte er wieder die Fäuste und schwor sich „Jetzt erst recht". Viele wären vielleicht spätestens jetzt an der ÖVU zerbrochen aber bei K. kehrte nur die alte Kampfeslust zurück: „Denen werde ich es noch allen zeigen".

Er war damit ab sofort nur der Mitarbeiter von Strombacher, bekam nun den heißersehnten nächsthöheren Dienstposten natürlich wieder nicht aber Strombacher rückte dafür eine Stufe höher mit dem Argument, daß dem Vermessungschef natürlich ein entsprechender Dienstposten zustehe. Auch Heidenreichs Zimmer das er so gerne gehabt hätte, um endlich das Doppelzimmer das er mit Egon teilen mußte verlassen zu können, ging an Strombacher – K. rückte aber in Strombachers Zimmer nach.

Noch kurz vorher hatte Strombacher die Tür an der Vorderfront zumauern lassen und die Verbindungstür ins kleine Vorzimmer öffnen lassen, jetzt mußte K. halt mit dieser Lösung leben und den schmalen Schlauch von der Seite betreten. „Klein aber mein" dachte er und finden würde man ihn hier sowieso nicht. Oft hörte er jemanden ungeduldig vor der zugemauerten Tür auf und ab gehen oder an ihr kratzen aber nur die wenigstens fanden den Weg zu K. in den nächsten Wochen.

Auch für Strombacher, den eigentlich an der ganzen Misere keine Schuld traf, war die ganze Situation unerträglich. Er hätte den Platz ja gerne K. überlassen, hatte sich in den letzten Jahren nicht mehr für die Landvermesserei interessiert, wurde eigentlich ins kalte Wasser gestoßen und war noch dazu abhängig von K. und seinem Wissen. Eine härtere Strafe hätte es für ihn also gar nicht geben können und er wußte nicht ob der höhere Gehalt diese harte Strafe ausgleichen würde.

Mit der Gewißheit unabhängig von jeder Leistung ohnehin das selbe Gehalt zu bekommen, nahm sich K. anfangs zurück und arbeitete deutlich weniger, ließ all jene die ihn suchten am Gang ungeduldig auf- und abgehen und öffnete in den seltensten Fällen seine Tür und gab ein Lebenszeichen von sich. Er sah auch überhaupt keine Veranlassung seinen nur etwas älteren Kollegen tatkräftig zu unterstützen: er verdiente nun um einiges mehr, also sollte er es sich auch verdienen. K. war gegenüber Strombacher nie unfair aber er war auch nicht wirklich loyal: das Leben ist manchmal hart aber auf lange Sicht gab es nur eine Möglichkeit: der eine oder der andere, er oder ich, Strombacher oder K.

Es würde sich ja wahrscheinlich bald herausstellen wer der eigentliche Chef war, wer die Projektleiter besser unterstützte, mit den Firmen besser zurechtkam und überhaupt die gesamte Landvermesserei besser beherrschte. Langsam mußte ja auch die Investitionen in die vielen Kurse und Vorträge in den letzten Jahren greifen. K. hatte die neuesten Technologien im Griff und war auf dem letzten Stand, er kannte sich recht gut aus mit EDV und CAD und diese Vorteile wußte er von Anfang an geschickt zu nutzen.

Da er nur die Vertretung von Strombacher war, kamen die Kollegen nur zu ihm wenn Strombacher gerade nicht da war, ließen sich beraten oder bestellten die eine oder die andere Vermessung bei ihm. Da die Sache meist schnell und kompetent abgewickelt wurde, kamen die meisten bald zu ihm auch wenn Strombacher da war. Ob es nun Strombacher gefiel oder nicht: er konnte dagegen nichts unternehmen, denn er war ja teilweise selbst von ihm abhängig.

Da K. immer mehr Agenden übernahm begann sich Strombacher nach neuen Tätigkeitsfeldern umzusehen und überließ nun fast alles K. Es wurde wirklich nie ausgesprochen, aber nach einem Jahr hatte er alle Aufgaben übernommen: er übte damit dieselbe Tätigkeit wie Heidenreich aus, nur war er deutlich billiger als der alte Direktionsrat und auch Strombacher.

Das Leben kann manchmal zwar sehr hart sein aber manchmal auch wieder sehr gerecht sein: K. hatte nun endlich das erreicht wovon er schon seit seinem Wechsel in die Zentrale insgeheim rechnete: er zog nun alle Fäden bei der Landvermesserei. Er nahm die Aufträge entgegen, vergab die Arbeiten an die besten Firmen und unterzog die gelieferten Daten einer strengen Kontrolle bevor er sie zur weiteren Verarbeitung freigab. Er erstellte Datenbanken, trug alle relevanten Informationen darin ein und konnte damit jederzeit jedermann rasch über alles Bescheid geben – und die Zahl der zufriedenen Kunden oder Planer oder Projektleiter stieg an.

Egal ob es sich nun um eine normale Vermessung handelte, um photogrammetrische Auswertungen von Luftbildern oder diese prächtigen entzerrten Orthophotos in denen man ganz einfach Grundstücksgrenzen oder Projekte eintragen konnte: es mußten die besten Firmen sein von denen er die beste Qualität verlangen konnte. Das stellte wieder jene zufrieden die diese Unterlagen benötigten. Er war auch stets darauf bedacht alle Firmen als Partner zu betrachten, die einen Teil zum Gelingen eines Projektes beitrugen und nicht nur als Knechte die den Auftrag ohnehin auszuführen hatten. So wurde K. bald bekannt als gerechter und kompetenter Auftraggeber mit dem man gut zusammenarbeiten konnte.

Erstmals sah K. einen wirklichen Sinn in seiner Tätigkeit bei der ÖVU und hatte das Gefühl etwas verändern und mitzubestimmen zu können und erstmals glaubte er einen ganz kleines Licht am Ende des Tunnels zu erkennen – ein kleines nur aber ein deutliches.

 

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