Kap 23: Wieder im Tunnel

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Kap 23: Wieder im Tunnel

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Tagelang hatte er bereits sehr schlecht und nur wenig geschlafen. Er konnte an nichts anderes mehr denken als an die Geschehnisse im Büro, an die brutalen Kämpfe mit Dörflinger und an seine Mißerfolge beim Projekt „Skepsis". Als Folge seiner beruflichen Probleme hatte er auch zu Hause häufig Streit mit Angelika und fühlte sich überhaupt von Gott und der Welt mißverstanden. Der Leidensdruck wurde immer größer und drückte aufs Gemüt – in ganz leichter Form traten auch wieder Angstattacken auf, die er zu diesem Zeitpunkt aber nicht als solche erkannte.

Nach langer Zeit unternahm K. wieder eine längere Dienstreise und zwar nach Innsbruck, um sich mit den dort ansässigen Vermessern abzustimmen. Er war sogar recht guter Dinge, traf zufällig Professor Holinka im Zug, plauderte angeregt und kam in bester Stimmung in Innsbruck an. Dort wurde er bereits erwartet und man beschloß noch eine Kleinigkeit im nahegelegenen Restaurant zu essen. Auch hier war er vorerst noch gut gelaunt, unterhielt sich über die anstrengende Reise und erkundigte sich nach den Geschehnissen in Innsbruck.

Aber dann passierte etwas ganz Eigenartiges was für K. nicht ohne Folgen bleiben sollte: auf die Frage des Innsbrucker Kollegen „wie geht es dir – was machst du jetzt eigentlich genau?" wurde er plötzlich aschfahl im Gesicht, die sonst naturgemäß starke Bräune wich einer noch nie dagewesenen Blässe und K. wurde plötzlich völlig unerwartet und unerklärlich von einer Angstattacke überfallen, die ihm fast die Sinne raubte und ohnmächtig werden ließ. Er erinnerte sich sofort wieder an die Anfälle vor einigen Jahren, die er schon gänzlich überwunden glaubte aber wahrscheinlich nur verdrängt hatte, er sah sich diesen Attacken völlig hilflos ausgeliefert und hatte Angst, daß seine Kollegen etwas merken und ihn für verrückt halten würden.

Dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich für jemanden der noch nie mit solchen Anfällen konfrontiert war: K. hätte das früher auch nie geglaubt, hätte sicher nur gemeint, daß man sich halt zusammenreißen müsse und bei sich selbst hätte er so etwas sicher völlig ausgeschlossen. Nun saß er da wie das letzte Häufchen Elend und es wurde ihm die riesige Distanz zu seiner gewohnten Umgebung bewußt. Innsbruck liegt ja auch in Österreich aber die Entfernung zum Mond hätte jetzt auch nicht weiter sein können. Alles war irgendwie unwirklich, die Kollegen wirkten weit entfernt und er verstand kaum etwas von dem was sie sprachen und konnte schon gar nicht irgend etwas darauf antworten.

Er hatte nur Angst, Riesenangst, Panik, Todesangst und den einzigen Wunsch schnell von hier weg nach Hause zu kommen. Mit letzter Kraft schleppte er sich zur nächstgelegenen Toilette, erfrischte sich etwas, redete sich Mut zu, erschrak über sein Aussehen im Spiegel und kehrte wieder zu seinen Kollegen zurück. Dort täuschte er seinen Freunden, die sich nun doch schon leichte Sorgen gemacht hatten, Übelkeit vor, ließ das vorzügliche Essen stehen mit dem Argument, daß er schon im Speisewagen eine Kleinigkeit zu sich genommen hatte (was sogar stimmte) und verließ fluchtartig das Lokal.

Er nahm nun wieder diesen ungewöhnlich starken Föhn wahr und versuchte sich einzureden, daß vielleicht der Föhn an seiner Misere Schuld war. Man marschierte gemeinsam zur Dienststelle der Kollegen, wo ihn auch schon die anderen erwarteten und ihm dieses und jenes zeigten. K. nickte nur, lächelte auch manchmal so gut es halt ging, stimmte – was eigentlich sonst ungewöhnlich für ihn war – zu allem zu und war mit seinen Gedanken natürlich ganz woanders: „Werde ich nun verrückt?", „Werde ich jemals wieder normal arbeiten können?", „Werde ich jemals wieder ein normaler Vater und Ehemann sein können?" hämmerte es in seinem Kopf.

Die nächsten Stunden waren eine unendliche Qual für ihn und auch der abendliche Besuch in der Bar gegenüber brachte ihn nicht wirklich auf andere Gedanken: aber er wollte den langen Hannes, den Tiroler Urburschen, nicht vor den Kopf stoßen und der Alkohol milderte zumindest zeitweise die Qualen. Am Rückweg nahm er weder die Lokale der Rotlichtszene wahr noch die vielen hübschen Innsbrucker Mädels, die durch die Altstadt zogen.

In dieser Nacht machte er fast kein Auge zu, sondern grübelte bis in die frühen Morgenstunden über die Ereignisse des Vortages. Vormittags erledigte er noch ein paar Kleinigkeiten, hielt mit dem langen Hannes noch eine kurze Besprechung ab und erst während der Rückreise ging es ihm wieder etwas besser: jetzt kam er nämlich bald zurück in seine gewohnte Umgebung, in der er sich sicher fühlte.

Der nächste Schritt war am nächsten Tag der Besuch beim Hausarzt, der eine „endogene Depression" diagnostizierte und einfach nicht glauben wollte, daß K. noch nie Selbstmordgedanken hatte. Er sprach K. natürlich Mut zu, indem er ihm versicherte, daß er auch andere Patienten mit derartigen Problemen habe und man da nicht viel machen könne ohne Medikamente: mit Medikamenten würde man dann schon halbwegs über die Runden kommen und unterschreiben solle er halt in nächster Zeit nichts. Diese Diagnose traf K. fast wie ein Todesurteil – wäre es ihm nicht ohnehin bereits schlecht gegangen, spätestens jetzt hätte es der Hausarzt geschafft.

Völlig entnervt kam er vom Arzt zurück, überbrachte Angelika die erschütternde Diagnose und begann bitterlich zu weinen. Er schlief ab jetzt nichts mehr, er aß fast nichts mehr, er kam seinen ehelichen Pflichten nicht einmal mehr nach Aufforderung nach und er wurde zusehends depressiver. Wie gerne war er sonst immer in der Früh ins Büro gegangen und wie schwer fiel es ihm nun das Bett zu verlassen und immer wieder die quälende Frage „Was ist los mit mir?". Es gab praktisch keine Situation mehr wo diese Panikattacken nicht auftraten: meist in einer Besprechung mitten im Satz, sehr oft beim Mittagessen und in Ruhephasen, besonders häufig in der U-Bahn und Aufzügen verstärkt noch durch Platzangst. Wenn eine U-Bahn zufällig für mehrere Minuten zwischen 2 Stationen stillstand, dann war es um K. fast geschehen.

Zu den Medikamenten, die er eigentlich regelmäßig nehmen sollte, hatte er auch kein rechtes Vertrauen: manchmal nahm er sie, dann setzte er sie wieder ab, dann ließ er sich andere verschreiben weil ihm der Beipackzettel nicht gefiel. Die Schwächung des Libido hätte er ja in dieser Phase, wo ohnehin nichts mit ihm anzufangen war, noch in Kauf genommen, aber all die anderen Nebeneffekte nicht: und wer hat schon Vertrauen zu Medikamenten gegen Angstzustände wenn als Nebeneffekt Depressionen auftreten können.

Nachdem sich sein Zustand nicht wirklich besserte und er seinen Hausarzt wohl auch schon etwas nervte, schickte ihn dieser zu einem Neurologen, der gemeinsam mit der netten Assistentin doch offensichtlich mehr von der Sache zu verstehen schien. Geduldig hörte er sich die Leidensgeschichte an und klärte ihn darüber auf, daß diese Zustände in die Kategorie „Panikattacken" zu fallen schienen: ja das war nun doch wohl etwas anderes als die „endogene Depression". Die Assistentin riet ihm als erste Hilfe, das kleine Büchlein „Was sie schon immer über Angst wissen wollten" zu kaufen und genau durchzulesen. Auch über die Art und Wirkung der Medikamente wurde er genau aufgeklärt.

Er studierte das Büchlein sehr gewissenhaft und konnte gewisse Verläufe seiner Krankheit dann sogar nachvollziehen. Sein Zustand besserte sich erstmals leicht und so beherzigte er auch den nächsten Rat und belegte einen Kurs über „autogenes Training" an der Volkshochschule. Er betrieb dieses Training zwar sehr gewissenhaft aber wirkliche Erfolge stellten sich eigentlich nicht ein: alle Teilnehmer wußten meist über schwere Arme und große Wärme zu berichten und über den ruhigen Puls und die kalte Stirn aber K. empfand selten etwas dabei - aber es war auch nicht gänzlich unangenehm.

Erstmals sah K., daß es auch andere Menschen gab, die unter den gleichen bzw. ähnlichen Symptomen litten und das beruhigte ihn irgendwie. Er besorgte sich Unmengen von Literatur über positives Denken, die Seele und den Geist. Nie hätte er früher dieses Zeugs gelesen aber jetzt sog er diese Literatur in seiner Not förmlich auf: er tat also alles, um wieder zu genesen und ein halbwegs normales Leben führen zu können. Im Büro bemerkte man wie bereits bei seinen ersten Anfällen nichts – im Gegenteil: einige stellten fest, daß K. viel ruhiger und umgänglicher als früher war und nicht mehr so emotionell reagierte, nicht jede Einladung zu einem Streitgespräch wahr nahm und auch mit Dörflinger ab jetzt wesentlich besser auskam.

K. vermied in dieser Zeit so gut es ging jeden Aufenthalt an anderen Plätzen als in seiner Wohnung oder in seinem Büro. Alles andere bedeutete für ihn eine enorme Überwindung, sogar den Besuch von Fußballplätzen als sein liebstes Sonntagsvergnügen vermied er. Diese Vermeidungshandlungen sind typische Symptome für eine derartige Krankheit und daher bemühte er sich manchmal trotzdem die Angst zu überwinden und war nachträglich sogar mental wieder etwas gestärkt.

Langsam, ganz langsam besserte sich sein Zustand wieder und die erste Bewährungsprobe war ein Flug nach Zürich. Mit allen Mittel hätte er diese Dienstreise gerne verhindert oder wäre lieber mit der Bahn gefahren, aber Kollege Gerd überredete ihn letztendlich doch. K. zählte die endlosen 45 Minuten in der Luft, wagte nicht einmal aus dem Fenster zu schauen, ließ sich auch von den hübschen Stewardessen nicht erheitern und war heilfroh als er sicher gelandet war. Auch die 2 Tage in Zürich waren kein wirkliches Vergnügen aber K. faßte erstmals wieder Mut: er wußte nun, daß jede Angstattacke irgendwann vorbeigeht und er brauchte eigentlich nur abzuwarten. All das stand in dem kleinen schlauen Büchlein und es schien tatsächlich so zu sein.

Die morgendlichen Depressionen vergingen, das Aufstehen fiel wieder leichter, die Angstattacken verloren an Intensität und die Intervalle dazwischen wurden größer. K. besuchte sogar einen Psychotherapeuten und hätte gerne die 800 Schilling auf den Tisch geblättert, wenn er ihm nur entscheidend hätte weiterhelfen können. Irgendwie sprach er aber nicht so auf die Therapie an: der Geruch der Räucherstäbchen irritierte ihn eher und der Therapeut verlor spätestens dann gänzlich sein Vertrauen, als er erzählte, daß er früher auch bei der ÖVU gearbeitet hatte. Außer der Erkenntnis, daß offensichtlich vieles berufsbedingt war, gewann K. keine zusätzlichen und wahrscheinlich wäre auch in 100 Sitzungen der wirkliche Grund nicht herauszufinden gewesen.

Irgendwie schien alles an der entscheidenden Frage „Wer bin ich?" und „Wohin geh ich?" zu liegen aber Näheres wollte K. gar nicht wissen – schon gar nicht um 800 Schilling pro Sitzung. Er therapierte sich ab nun selbst so gut es ging, versuchte positiv zu denken – auch wenn das weiterhin nicht so leicht war bei der ÖVU – und sah in einem halbgefüllten Glas eher ein halbvolles als ein halbleeres. Er schlief wieder besser, er aß wieder normal und selbst der Libido meldete sich wieder langsam zurück.

Die Ängste waren ab jetzt zwar immer irgendwie vorhanden und eine plötzliche Angstattacke war nie auszuschließen, aber sie hatten etwas den Schrecken verloren, sie waren nachvollziehbar und trafen K. nie mehr unerwartet. Er konnte zumindest mit dieser Situation leben. Angst ist im Normalfall ja wichtig und eigentlich eine Reaktion auf irgendwelche Gefahren: auch wenn die Gefahr bei K. nicht unbedingt klar zu erkennen war: vielleicht war gerade die Summe der Belastungen und negativen Erlebnisse die eigentlich Gefahr.

 

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