Kap 21: Die Generaldirektion

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Kap 21: Die Generaldirektion

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Just in jener Zeit als er Anna langsam zu vergessen begann, die Angstattacken praktisch völlig verschwunden waren und K. sich auf weitere ruhige Jahre bei Herb und seinen Mannen einstellte, kam der Ruf in die hohe Generaldirektion. In der vorgesetzten Dienststelle wurde ein Vermesser gesucht oder zumindest so etwas ähnliches: ein Kollege hatte bereits nach wenigen Wochen entnervt das Handtuch geworfen und so kam der Interimsvertreter Rumgold (der Abteilungsvorstand war gerade in Pension gegangen) auf die absurde Idee diesen verrückten K. einmal auszuprobieren und ihm eine faire Chance zu geben.

K. hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu seiner vorgesetzten Dienststelle und hielt die meisten Kollegen dort für überhebliche Snobs, die in der Regel mit in der Hierarchie weiter unten stehenden Kollegen aus den Regionen gar nichts zu tun haben wollten. Er war daher nicht besonderlich angetan von Rumgolds Angebot obwohl er gerade Rumgold den er schon von früher kannte als einzigen der Abteilung irgendwie schätzte und verehrte – auch umgekehrt war offensichtlich eine gewisse Sympathie da. Rumgold war ebenfalls gelernter Landvermesser und er betrachtete meist von der Ferne mit großem Interesse K.’s unermüdliche Versuche gegen irgendeine Wand zu laufen, er bewunderte ihn auf eine gewisse Weise sogar aber sah sich deshalb nicht unbedingt verpflichtet, ihn in irgendeiner Weise zu unterstützen bzw. davon abzuhalten.

Diesmal sah aber der exzellente Taktiker – auch als „die graue Eminenz im Hintergrund" bezeichnet - erstmals für K. eine Gelegenheit, seine offensichtlich hervorragenden Sach- und Fachkenntnisse besser einzusetzen und zu beweisen, daß er zu Unrecht einen so schlechten Ruf in der Zentrale hatte: er gab ihm eine faire Chance aber allein an K. lag es ob und wie er sie nutzte. K. hätte aber trotzdem das Angebot nie und nimmer angenommen, hätte er sich zu diesem Zeitpunkt nicht ohnehin bei seiner Dienststelle um eine neue Tätigkeit umsehen müssen. Die bevorstehende Umwandlung der ÖVU in eine Aktiengesellschaft und Ausgliederung als Bundesdienststelle machte es dann vom Gesetz her unmöglich wie bisher im eigenen Wirkungsbereich Teilungspläne zu verfassen und Verhandlungen mit Anrainern durchzuführen. Und ohne diese Verhandlungen, den Kontakt zu den Anrainern, diese tägliche Herauforderung hätte es K. ohnehin keinen Spaß mehr gemacht.

K. diskutierte ausführlich mit Herb und dieser konnte sich ganz gut mit dem Gedanken anfreunden, daß ihn sein Sorgenkind nach 4 Jahren nun endlich verließ: eine große Last würde damit von seinen Schultern fallen wenn dieser K. mit seinen manchmal recht sonderlichen Ansichten über Leistungsprinzip, Wirtschaftlichkeit und ähnlichen Unsinn seine Gruppe verließ. Er redete ihm sogar noch gut zu , daß er in der Generaldirektion auf lange Sicht sicher bessere Chancen habe und bei ihm ohnehin immer nur der dritte Mann wäre: bis jetzt galt zumindest bei der ÖVU immer folgende Regel: sollte jemand auch nur 5 Minuten vor einem anderen zur ÖVU gekommen sein, so gab es für den später dazugekommenen nie mehr die Möglichkeit den ersten zu überholen – es war somit alles geregelt und unabhängig von jeder Leistung war das halt so (und das hatte K. auch immer gewußt).

Er besprach seinen Gewissenskonflikt auch mit Angelika und seinem Schwiegervater: gerade sein Schwiegervater, der Herr Ministerialrat, beschwor ihn förmlich dieses Angebot doch anzunehmen denn er kannte sich gut aus mit den öffentlichen Dienststellen, Ministerien etc. und wußte, daß man ein Angebot einer höheren Stelle nie ausschlagen durfte. Dieses Gespräch war ausschlaggebend, daß sich nun auch K. erstmals mit dem Gedanken anfreunden konnte Herb und seine Gruppe zu verlassen – am Tag darauf sagte er Rumgold kurzerhand zu.

Wie ein Verrückter arbeitete er nun die nächsten Wochen, denn er wollte keine schlechte Nachrede haben und sich nachsagen lassen irgend etwas liegengelassen oder nicht erledigt zu haben. Nur eine Woche vor dem beabsichtigten Wechsel rief Rumgold ganz kleinlaut an und teilte K. mit, daß es mit dem beabsichtigten Wechsel doch nicht klappen würde: irgendwie war man offensichtlich draufgekommen, daß K. der schon mehrmals bei Dienstpostenverleihungen übergangen worden war, rangmäßig vor einigen anderen Kollegen seiner neuen Dienststelle lag. Da gab es natürlich großes Gezeter und massive Beschwerden gegen den neuen Kollegen: ein Sturm der Entrüstung brach los und viele sahen dadurch Nachteile in ihrer eigenen Karriere. Die Gewerkschaft war rasch mobilisiert und die Sache schien damit eigentlich schon wieder weg vom Tisch.

K. wollte nun aber nicht kampflos das Feld räumen: er hatte sich nicht angeboten sondern man hatte ihn geholt, er hatte sich die Sache reiflich überlegt, er hatte sich nun für die Generaldirektion entschieden und so leicht war er daher nicht mehr zurückzuschicken so nach dem Motte „K. es tut uns leid, war leider ein kleines Versehen". Er erinnerte sich nun wieder daran, daß sein Schwiegervater ein Schulfreund des Personaldirektors war: wie oft hatte der kluge Ministerialrat ihn nicht darauf hingewiesen, daß man bei einem Unternehmen wie der ÖVU ohne Parteibuch oder/und Beziehungen gar nichts war oder werden konnte. K. hatte darüber immer nur gelacht und gemeint, daß auch bei den ÖVU noch die Zeit kommen würde wo sich Leistung bezahlt macht. Verständnislos schüttelte er dann immer den Kopf und ärgerte sich insgeheim über seinen sturen, unbelehrbaren Schwiegersohn.

Aber nun kam K. erstmals zu Kreuze gekrochen, schilderte ausführlich seine Situation und fragte vorsichtig an, ob man nicht doch noch etwas machen könne in dieser Sache. Es wird an dieser Stelle aber ausdrücklich festgehalten, daß K. seine gar nicht so schlechten Beziehungen nicht dazu nützte, um sich einen Vorteil zu verschaffen sondern eine offensichtliche Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen. Was K. auf normalen Weg in 100 Jahren nicht erreicht hätte, erledigte ein einziges Telefonat des Ministerialrats mit dem Personaldirektor. Auch dieser war etwas erstaunt über die angeblich unübliche Vorgangsweise, ließ kurz nachfragen und ein paar Stunden später war die Sache erledigt: K. hatte in 5 Tagen nun unwiderruflich seinen Dienst in der Generaldirektion anzutreten.

Rumgold setze K. natürlich davon in Kenntnis, welche Aufruhr er durch seine Vorgangsweise in der Bauabteilung verursacht hatte und deutete an was ihn da in nächster Zeit erwarten würde: die Messer waren gewetzt und die Ausgangslage für alle Beteiligten gleich von Anfang an klar. Den herzlichen Empfang beim Dienstantritt an der neuen Dienststelle kann man sich natürlich vorstellen: K. spürte förmlich das Mißtrauen und den Haß gegenüber jenen Mann, den man zwar persönlich gar nicht kannte der aber seit Jahren den Ruf des Spinners und Querulanten der ehrwürdigen Bauabteilung hatte.

Die eisige Kälte die er bereits am ersten Tag im Sekretariat bei der Erledigung der wichtigsten Formalitäten spürte, ließ K. schon ahnen was er hier in den nächsten Tagen und Monaten zu erwarten hatte. Der einzige Ansprechpartner in den ersten Tagen war neben Rumgold der alte Direktionsrat Heidenreich, den er in der ersten Zeit bis man halt irgendeine andere Beschäftigung gefunden hatte unterstützen sollte. K. hatte immer damit spekuliert, daß Rumgold der neue Chef werden würde und war daher relativ optimistisch, daß sich dann auch die Wogen wieder glätten würden. Umso erstaunter war er dann über das Gerücht, daß der fast gleichaltrige Kollege Dörflinger den Laden übernehmen solle.

K. zeigte sich darüber sogar im Sekretariat erstaunt und meinte nur, daß doch so ein junger Spund nicht diese wichtige Abteilung leiten könne. Er kannte zu diesem Zeitpunkt Dörflinger gar nicht und hatte das sicher auch nicht bös gemeint: die Botschaft wurde natürlich aber sofort weitergegeben und sicher noch in leicht abgeänderter, verschärfter Version. Dörflinger der als Kulturtechniker ohnehin von der „Vermessungsmafia" schon genug hatte, kamen diese Äußerungen gerade recht und er beschloß es diesen K. schon zu zeigen wenn er die Abteilung übernehmen würde. Ohne es zu wollen war damit rasch eine Rivalität aufgebaut, die sich durch die eifrigen Einflüsterer auf beiden Seiten nur noch verstärkte. Dörflinger war nicht nur gleich alt, er brachte wie K. auch nahezu 100 kg auf die Waage und war manchmal von ähnlicher Sturheit und Verbissenheit. Im Unterschied zu K. war er aber auch ein ausgezeichneter Taktiker und Stratege der genau wußte was er wollte und wann und bei wem er sich zurücknehmen mußte und der sich auch mit der mächtigen Gewerkschaft arrangierte: diesen Mann hatte K. nun vom ersten Tag an zum Gegner und dieser Mann wurde wirklich ein paar Wochen später Chef und Vorgesetzter.

Da er keine richtige Aufgabe hatte arbeitet K. dort und da mit: er unterstützte Heidenreich bei den Vermessungsvergaben an die Ziviltechniker, er half bei EDV-Problemen und nahm sogar wieder Kontakt mit der Projektgruppe „Skepsis" auf – die gab es natürlich noch immer und die arbeitete immer noch unverdrossen aber völlig ohne Erfolg weiter – eigentlich ein ähnliches Schicksal wie K. aber sie verkaufte sich zumindest besser. Es kam ihm gar nicht ungelegen, daß die Gruppe offensichtlich wieder irgendein K.’s Dienste benötigte, denn je mehr er mit dieser Gruppe in Kontakt war umso weniger bestand die Gefahr mit Dörflinger in Streit zu geraten: K. hatte nun immerhin die Möglichkeit von zweien das kleinere Übel zu wählen.

K. hatte nach außen hin vielleicht eine rauhe Schale aber sonst doch einen weichen Kern, war sensibel und stand bei weitem nicht über den Dingen: es war ihm sicher nicht egal, daß ihn Dörflinger immer mehr ignorierte. Die Versuche von K. Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu zeigen scheiterten genauso kläglich wie die spärlichen Versuche von Dörflinger K. entgegenzukommen. Besser kann das Verhältnis zwischen beiden wohl nicht beschrieben werden, als durch den gutgemeinten Versuch eines Kollegen anläßlich einer Feier die beiden Streithähne wieder an einen Tisch zu bringen. Auf den Vermittlungsversuch und die Frage „Solltet ihr euch nicht mal ordentlich aussprechen" antwortete Dörflinger nur knapp und ohne K. auch nur eines Blickes zu würdigen: „Ich sehe dazu keine Veranlassung, denn das ist zur Zeit für mich nur das Problem 645".

Dies war für den sensiblen K. einer der härtesten Schläge in seiner ÖVU-Laufbahn: die vorzügliche Malakofftorte blieb beinahe in seinem Hals stecken und er drohte fast zu ersticken – bebend vor Zorn und ohnmächtig vor Wut verließ er das Fest und er konnte es förmlich spüren: der dunkle Tunnel war schon wieder bedrohlich nahe.

 

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