Kap 17: Grenzverhandlung in Retz

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Kap 17: Grenzverhandlung in Retz

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Es wäre für den Leser wahrscheinlich nicht sehr interessant nun alles aufzuzählen, was K. in den nächsten Monaten und Jahren bei der Landvermesserei alles erlebte. Nur die Grenzverhandlung in Retz sei hier erwähnt als typisches Beispiel für seine Tätigkeit bei der ÖVU.

Knapp vor Wintereinbruch hatte man bei einer Bautätigkeit wieder einmal übersehen, daß nach Abschluß aller Bautätigkeiten auch noch die Erstellung eines verbücherungsfähigen Teilungsplanes für die grundbücherliche Durchführung erforderlich war. Wie so oft rief man viel zu spät bei K. an und fragte ihn was man da nun machen solle. Da ohne vorherige Vermessung Bau natürlich überhaupt keine Aussagen über den alten Grenzverlauf gemacht kann, rechnete K. zwar mit größeren Schwierigkeiten, nahm aber trotzdem diesen Auftrag an. Was hätte er auch sonst machen sollen.

Die alte Grenzstadt Retz hatte es K. ohnehin angetan mit seiner weit sichbaren Windmühle, den zahlreichen Weingärten und natürlich dem guten Wein selbst. Er hatte privat öfter zu tun in Retz und beriet den alten, ortsansässigen Geometer in allen EDV Fragen - auch nach Übergabe des Büros an seinen Sohn setzte sich diese Tradition fort.

Schon oft war er mitten in den Weingärten von Retz gesessen, genoß die Abendsonne, den Blick auf die Windmühlen und wie gesagt den köstlichen Retzer Wein und lauschte den Erzählungen des alten Geometers, der auch den Wichtel gut gekannt hatte. K. hatte sich früher nie vorstellen können ein eigenes Büro zu betreiben, aber immer wenn er in Retz war hatte er fast Sehnsucht nach gerade so einem kleinen Büro mit einem einzigen Gehilfen aber doch einem nicht unbedeutendem Stellenwert in einer so die kleinen Stadt.

Der Geometer galt hier noch genau soviel wie der Arzt und der Pfarrer und oft erlebte K. wie die Parteien fast andächtig an die Tür des alten Geometers klopften und dieser sie mit all seinem Wissen und Erfahrung beriet - manchmal riet er ihnen dann den drohenden Grenzstreit im Einvernehmen beizulegen, da in so einem Fall immer nur Notare,. Rechtsanwälte und Geometer profitieren, nie aber eine der Parteien selbst.

Es hatte den Anschein, daß hier noch alles viel gemächlicher zuging als in der Großstadt. Die alte Pendeluhr hatte es K. besonders angetan und auch sonst fand er hier noch Geräte die er nur mehr aus Erzählungen kannte. Irgendwie hatte man den Eindruck die Zeit wäre hier stehengeblieben und nur die funkelnagelneue Computeranlage, die gar nicht so recht in dieses Büro passte, war der Beweis dafür, daß auch in der alten Grenzstadt die Technik nicht mehr aufzuhalten war.

In dieser Stadt hatte also K. selbst eine große Vermessung über eine Länge von zwei Kilometer abzuwickeln. Der erste Blick auf die Mappe zeigte viele kleine schmale Riemenparzellen, die immer auf einen hohen Aufwand aufgrund der vielen Grundstücke und Eigentümer hindeuteten.

Nach den ersten Recherchen waren fast 80 Eigentümer und 170 Grundstücke betroffen. K. bereitete alles rasch und gewissenhaft vor und raste mit seinen zwei Gehilfen gleich am nächsten Tag in die Stadt an der Grenze vom Weinviertel zum Waldviertel, um eine erste Bestandsaufnahme zu machen. Es war bereits bitter kalt Mitte November und die ersten Schneeflocken ließen keine einwandfreie Sicht mehr auf die umliegenden Fernziele zu.

Über diese in dieser Gegend für die Landvermesserei wichtigen Festpunkte hatte er schon oft mit dem alten Geometer gesprochen, er kannte fast die Koordinaten schon auswendig, wußte über deren Güte Bescheid und kannte sie fast alle mit Namen: KT 11-9 für das Schloß, KT 13-9 für die Kirche oder war es umgekehrt?

Die Meßgehilfen verlangten andauernd nach Pausen und wärmenden Getränken, doch K. trieb die Meßpartie mit unverminderter Härte an. Das waren jene Momente wo die Gehilfen diesen K. für seinen Starrsinn und seine Zielstrebigkeit beinahe haßten. Viele der anderen Kollegen hätten wahrscheinlich den ganzen Tag im benachbarten warmen gemütlichen Gasthof verbracht, hätten abgewartet ob der Schneefall nicht gänzlich aufhören oder ob es doch noch etwas wärmer werden würde - nur K. ließ immer wieder das Instrument aufstellen, forderte Fritz auf nur ja den Spiegel gerade zu halten, kontrollierte Andy am Gerät öfter als sonst und so bewegte sich die Partie immer weiter weg von der Stadt zur Staatsgrenze hin.

Selbst die hereinbrechende Dämmerung war kein Grund aufzuhören. Er brauchte eben dringend die Ergebnisse, um die Verhandlung optimal vorbereiten zu können und dafür war ihm jedes Mittel recht. Der Schneefall hatte zwar fast aufgehört, aber die Nacht rückte näher und das Abendrot rückte die Windmühle auf der kleinen Anhöhe in ein ganz besonderes Licht. Erstmals erlebte K. wie sich die Nachtbeleuchtung des Meßgerätes automatisch einschaltete und so auch noch das letzte Tageslicht genutzt werden konnte.

Er hörte schon gar nicht mehr die Vorwürfe seiner Gehilfen. Andy drehte unermüdlich und fluchend das Meßgerät, Fritz stolperte schon förmlich von Punkt zu Punkt und K. dirigierte das Orchester bis die Arbeit zur Gänze getan war. Immer wieder versucht er seine Gehilfen mit kleinen Späßen zu erheitern, deutete auf die Windmühle im Abendrot, versuchte Ihnen die Nachtbeleuchtung als besonders eindruckvolles Ereignis zu verkaufen, doch alle diese Versuche waren lächerlich und vergeblich.

Sie wollten nur endlich fertig werden und dieses - ihrer Meinung nach – unwirtliche Retz endlich verlassen. Bei der Rückfahrt wurde kaum ein Wort gewechselt und K sah zum Glück nicht die Blicke die sich die Gehilfen zuwarfen und die eindeutigen Gesten.

Trotzdem schätzten und bewunderten sie diesen verdammten K. noch irgendwie, denn bei ihm wußte man meist genau woran man war, man war den ganzen Tag beschäftigt und die Stunden vergingen wie im Flug: nur an diesem Tag hatte er doch etwas übertrieben. Sie überlegten sogar kurz sich bei Herb zu beschweren, doch was hätte es schon gebracht: ändern konnte man diesen Sturschädel ohnehin nicht.

Als die Zeit gekommen war die Grenzverhandlung vorzubereiten überlegte K. wie viele Tage er wohl für diese Verhandlung ansetzen solle. Er berief sich kurz mit Herb, der dann meinte daß man für so einen großen Abschnitt schon eine Woche kalkulieren müsse. K. überlegte hin und her, berechnete durchschnittliche Verweildauer pro Anrainer, kalkulierte schlechtes Wetter und kam dann zum Entschluß: ein Tag müsse da wohl genügen.

Schlechtes Wetter und großer Kälte beschleunigen in der Regel derartige Verhandlungen enorm. Natürlich hielten wieder alle K. für verrückt und meinten diesmal würde er endlich einmal richtig auf die Nase fallen. Er teilte die gesamte Verhandlung in mehrere Abschnitte ein und hatte in Abständen von einer Stunde ca. 20 Anrainer eingeladen, mit denen er die neuen Grenzen dann festlegen wollte.

Die nette Juristin, die Frau Doktor, hatte diesmal zwar keine Zeit aber Richard war für diese Aufgabe wahrscheinlich auch nicht schlecht. Gerade er, der manchmal selbst ein gutes Glas Wein schätzte, war für die Verhandlungen mit den schlauen Weinbauern nahezu ideal.

Ganz zeitig brach man auf, die Gehilfen waren wie immer pünktlich, K. wie immer zehn Minuten zu spät und Richard seine obligate Viertelstunde. Aber dies hatte K. ohnehin alles einkalkuliert und zufrieden blickt er auf das Thermometer: - 15 Grad Celsius, klirrende Kälte am Morgen, leichter Schneefall und in Retz kamen voraussichtlich noch einige Minusgrade dazu.

Bei der ersten Station erlebte K. bereits etwas womit er nie und nimmer gerechnet hatte: eine Gruppe vom Bauern hatte sich um einen angeblichen Professur gescharrt und erwidertenn die freundliche Begrüßung der ÖVO-Leute mit wüsten Beschimpfungen: man hätte viel mehr Weinkulturen als vereinbart beschädigt, zuviel Grund eingelöst, mit dem neuen durch Pflöcke vorläufig vermarkten Grenzverlauf waren sie auch nicht einverstanden und überhaupt war das Pensionssystem der ÖVU nicht gerecht und hauptsächlich wurde über genau das diskutiert was gar nicht Gegenstand der Verhandlung war.

K. der bei diesen Verhandlungen doch schon routinierter als vor einigen Monaten war blickte zufrieden auf das Thermometer: - 17 Grad Celsius: auch er fror gemeinsam mit seinen Gehilfen und Richard, der sich vorwiegend im Auto verkroch, erbärmlich aber er wußte auch, daß der Spuk bald vorbei war. Nur einmal stieg Richard aus und gab in seiner äußerst souveränen Art allen Anwesenden zu bedenken, daß er zwar durchaus Zeit habe und der Bus auch ganz gut geheizt sei, es aber eventuell doch zweckmäßiger sein würde, die Sache rasch durchzuziehen und allfällige offene Fragen später im Landgasthaus bei ein paar Achterln zu klären – auch über das Pensionssystem könne man dort dann ausführlich diskutieren.

Dies waren offensichtlich Argumente, die angesichts der klirrenden Kälte alle verstanden - der angebliche Professor wurde nicht mehr beachtet und alle waren bald mit dem neuen Grenzverlauf einverstanden und setzen mit ihren steifen Fingern ihre Unterschrift auf das Verhandlungsprotokoll.

Die aufgrund der anfänglichen Tumulte entstandene Verzögerung war rasch aufgeholt und bei der letzten Station hatte K. nur drei Minuten Verspätung. Fast überheblich entschuldigte er sich für diese Verspätung (in extremen Fällen kann es bei derartigen Verhandlungen zu mehrstündigen Verspätungen kommen). Damit war nun auch das Eis für die letzte Etappe gebrochen: alle drängten K. nun förmlich, endlich unterschreiben zu dürfen: gerade zur Mittagszeit hatten es nun alle besonders eilig nach Hause zu kommen.

Nach Durchsicht aller Protokolle fehlten nur 6 Unterschriften und man beschloß auch noch diese nach einer kurzen Rast in der Schloßtaverne einzuholen und die Anrainer persönlich zu besuchen. Bei fast allen wurden sie bereits erwartet, bei einigen standen sogar schon Weihnachtskekse und natürlich auch einige Kostproben des vorzüglich Retzer Weins am Tisch. Man entschuldigte sich für das Nichterscheinen, war mit den Grenzverlauf natürlich einverstanden aber man verlangte von den ÖVU-Leuten, eine Beurteilung ihrer Produkte. Zumindest ein bis zwei Achterl Wein waren Pflicht, die Kekse durfte man stehen lassen aber den Wein nicht und wie versprochen unterschrieben sie dann sofort.

Da bekanntlich 2 Achterl mal 4 bereits einen Liter ergeben kann man sich leicht vorstellen wie K., Richard und die Gehilfen beim 5. Und 6. Haus ankamen – aber niemand hatte Mitleid: 2 Achterl gegen eine Unterschrift.

Zu guter Letzt trafen sie auch noch einen Kollegen, der sie bereits am Vormittag unterstützt hatte und der ganz zufällig einen eigenen Weinkeller ganz in der Nähe hatte. Retz ist ja berühmt für seine Weinkeller und daher wollte man sich auch das noch anschauen.

Entweder war es der Wein oder das bevorstehende Weihnachtsfest aber immer wenn K. aufgrund eines sehr starken Druckes in der Blasengegend vor den Weinkeller trat, betrachtete er mit verklärter Miene den Sternenhimmel und war erstmals seit langem so richtig zufrieden mit sich und der ganzen Welt.

Ziemlich angeschlagen bestiegen dann alle gegen Mitternacht den alten VW-Bus wo Fritz bereits ungeduldig wartete. Er hatte als Fahrer keinen einzigen Tropfen getrunken, hatte als einziger einen klaren Kopf und mußte sich dann noch die Lieder dieser besoffenen Partie anhören bis sie endlich allesamt eingeschlafen waren.

 

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