Kap 1: Das Dorf des Abtes

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Kap 1: Das Dorf des Abtes

 
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Es war ein Tag wie ein jeder andere als sich im Februar 1957 in einem kleinen unbedeutenden Dorf am Fuße des Wagrams ein junger Mann erstmals lautstark bemerkbar machte. Es war ihm zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal, ob er ein Wunschkind und von langer Hand geplant war oder ob er eher in die Kategorie „Betriebsunfall" fiel – er war nun einmal da und war daher zu versorgen und zu betreuen.

Der junge Müllergehilfe Karl und die blutjunge Angestellte Maria lebten in eher bescheidenen Verhältnissen und wußten natürlich, daß ihre Situation ab jetzt nicht leichter werden würde – ganz unbeteiligt war man aber auch wieder nicht und daher hieß es Verantwortung zu übernehmen für den neuen Erdenbürger

K. war zum Glück vom ersten Tag an ein eher ruhiges Kind, das in der Nacht selten schrie und die jungen Eltern fast nie aus den Betten holte und auch unter Tag nicht viel Ärger machte. Oft mußte seine Mutter, wenn sie am Friedhof intensiv mit der Grabpflege beschäftigt war, nachsehen ob der kleine Kerl im Kinderwagen überhaupt noch lebte – er blickte sie aber immer nur kurz mit seinen strahlend blauen Kinderaugen an, grinste für einen Augenblick über beide Ohren und war offensichtlich rundherum zufrieden und hatte daher auch keinen Grund zu klagen.

Viel konnte man ja nicht erleben in diesem kleinen Dorf im fruchtbaren Tullner Becken aber zumindest konnte man kürzere Spaziergänge zum Friedhof, in das kleine Lebensmittelgeschäft oder auch ausgedehntere entlang des Wagrams inmitten der unzähligen Weingärten unternehmen.

Vor Jahrtausenden reichte der Donaustrom weit nach Norden und der Wagram bildete das Steilufer. Irgendwann zog sich die Donau aber zurück, gab das Land frei und so konnte die Gegend hier besiedelt werden und sich ein richtiges Dorf entwickeln dessen Geschichte bis ins 11. Jahrhundert zurückgeht.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde dieser Ort bereits um 1011 als er vom deutschen Kaiser dem bayrischen Kloster Niederaltaich geschenkt wurde und hieß Abbadorf , später Abstorf dann wieder mal Abtsdorf und am Ende ließ man das „t" auch noch weg: Absdorf – das Dorf des Abtes.

Auf die bewegte Geschichte dieses Dorfes deutete nicht mehr viel hin außer vielleicht der verfallene Meierhof in dem sogar der große Napoleon für eine Nacht sein Lager aufgeschlagen hatte. Und auch der große Polenkönig Sobiesky war einmal in der Nähe als er Wien im Kampf gegen die Türken zu Hilfe kam: Absdorf hatte er allerdings auf seiner Reise mehrmals geplündert – aber was solls. Das Dorf des Abtes hatte alle Kriege, die zahlreichen Plünderungen und auch die Pest überstanden, also würde man auch mit K. klarkommen.

Wie gesagt: in diesem Dorf am Fuße des Wagrams inmitten der unzähligen Weingärten drehte Mutter Maria unermüdlich mit ihrem Sohn die Runden: gleich nach dem Eisenbahnübergang hieß es scharf nach links abbiegen anschließend nach wenigen Metern nach rechts und dann geradeaus über den Schmidabach bis zum aufgelassenen Mühlbach, gleich nachher links und entlang der vielen Weingärten die den Wagram anschnitten vorbei an unzähligen Weinkellern bis zum alten Bründl in Absberg und dann wieder zurück. Zuerst fuhr sie noch mit dem großen klapprigen Kinderwagen, der auch schon beim Transport der Nachbarkinder gute Dienste geleistet hatte, dann mit der leichteren Sportausführung, irgendwann hieß es dann aussteigen und den Weg teilweise an der Hand zurücklegen und zum Schluß überhaupt ganz ohne Hilfsmittel auskommen.

Am Wochenende hatte sogar Vater Karl Zeit um seine Familie zu begleiten und als Höhepunkt der Woche ging man dann nicht unten sondern erklomm man den Höhenweg und hatte eine wunderschöne Aussicht über das Dorf. Die Eltern konnten diese aber kaum genießen, denn sie waren zu sehr damit beschäftigt den Kleinen davon abzuhalten, sich kopfüber über die steile Böschung zu stürzen. Auch die Erklärungen seiner Eltern waren ihm ziemlich egal und auch die große historische Bedeutung des Bodens auf dem er stand war ihm sicher nicht klar.

K. gedieh am Anfang gar nicht so prächtig wie man es sich allgemein erhofft hatte: er war ein eher hageres Kind dem das Essen nie so richtig schmeckte – wahrscheinlich lag es an den Mandeln die immer schmerzten. Sogar der besorgte Pfarrer überzeugte sich nach Hinweisen aus der Nachbarschaft persönlich, daß alles in Ordnung war und K. genug zu Essen bekam. Wer K. heute mit seinen gut 100 kg Lebendgewicht kennt wird sich wahrscheinlich nicht vorstellen können, daß der Pfarrer sogar schon kurz überlegte die Fürsorge einzuschalten.

Bald hatte er aber zur Erleichterung seiner Eltern und der ganzen Nachbarschaft diese kritische Phase überstanden und gedieh zu einem prächtigen Kerl – dem Stolz der gesamten Großfamilie. Im Alter von 2 ½ Jahren mußte er aber die Aufmerksamkeit seiner Verwandten mit seiner Schwester Trude teilen, die nicht annähernd ein so ruhiges und braves Kind wie K. war – alleine hätte man die nicht am Friedhof stehen lassen können, die Toten hätten sich in ihren Gräbern wohl umgedreht.

Die finanzielle Situation verschlechterte sich weiter, die Mutter mußte ebenfalls wieder arbeiten gehen und der Vater wechselte vom schlecht bezahlen Müllerberuf in den noch schlechter bezahlten Staatsdienst: aber das Wenige hatte er zumindest sicher und die quälenden Existenzängste konnten damit etwas abgebaut werden. Da alle 4 Großeltern schon sehr früh starben übernahm die alte Urgroßmutter Karoline teilweise die Erziehung der beiden: sie hörte nicht viel, sie sah fast nichts aber es gelang ihr doch den beiden Disziplin und Ordnung beizubringen und betreute sie so gut es ging bis die Mutter am frühen Nachmittag von der Arbeit nach Hause kam. Nie wieder war K. so gut über die großen Herrscherdynastien und Königshäuser informiert.

Manchmal kam auch Cousine Beate zu Besuch die er fast wie eine Schwester betrachtete und mit der er bis in die Nacht hinein spielte: Beate gehörte schon fast zur Familie und er verstand sich mit ihr beinahe besser als mit seiner leiblichen Schwester – vielleicht weil sie auch gleich alt war. Aus dieser Zeit rührt auch das gute Verhältnis zu Mädchen oder Frauen: er hatte sie schon von früher immer als gleichberechtigt betrachtet und spielte mit Ihnen genau so gerne wie mit den Buben – er sah dabei überhaupt keinen Unterschied.

Spielplätze und Verstecke gab es viele im Haus: dort wo vor einigen Jahren noch Schweine, Hühner und sogar ein Pferd untergebracht waren, fand man nun Trude, Beate, K. oder Franz vom Wirtshaus nebenan. Der alte Heuboden war ein besonderes Versteck und eine besondere Fundgrube: man konnte ihn nur über eine Holzleiter erreichen aber oben angekommen war immer für Abwechslung gesorgt: neben alten Kinderkram und Schulheften der Mutter fand man auch eine richtige Pistole und ein altes Bajonett und niemand wußte wie diese Dinge auf den Heuboden gekommen waren – man glaubte schon jeden Winkel zu kennen und trotzdem fand man immer wieder überraschend derartige Utensilien.

Umgekehrt spielte K. dann auch am Heuboden im Wirtshaus aber dieser hatte – und das mußte auch Franz zugeben – nicht die Klasse und die Auswahl an Verstecken war auch nicht so reichhaltig: in den Schweineställen waren nämlich noch richtige Scheine drinnen, die nur unverschämt grinsten und sich offensichtlich nicht über die bedrohliche Situation auf dem Weg zum Schnitzel im Klaren waren. Die Großmutter von Franz war zum Glück nicht so streng und so konnten sie zumindest ungestört im alten Eiskasten spielen: abwechselnd saß der eine drinnen und der andere öffnete die schwere Türe und dann das gleiche Spiel umgekehrt; einmal unterlief ihnen allerdings ein Fehler und sie saßen dann beide drinnen und die schwere Türe war zugefallen, die Luft wurde immer dünner, verständliche Panik kam hoch und sie waren dann heilfroh als die Großmutter doch noch rechtzeitig zur Stelle war und sie aus der mißlichen Lage befreite.

Im Extrazimmer des Wirtshauses stand der wahrscheinlich einzige Fernseher des Ortes und K. hatte bald die Vorzüge dieser neuen technischen Errungenschaft erkannt: statt die Zeit in den Schweineställen und Eiskästen zu verplempern war es doch viel einfacher sich vor die Flimmerkiste zu setzen und stundenlang berieseln zu lassen: ganz gratis ging es natürlich nicht aber mit einem Schilling pauschal für den ganzen Abend inklusive eines Getränks war die Sache abgegolten. Als er später sogar schon bei leichten Feldarbeiten eingesetzt werden konnte war das Vergnügen überhaupt frei.

Die Feldarbeit war ein besonderes Vergnügen: K. durfte manchmal - weil er ja zu anderen Sachen noch nicht zu gebrauchen war - mit dem Traktor fahren und wurde vom Wirt persönlich eingeschult: es schien ganz leicht aber leider war er immer irgendwie zu schnell dran: als er einmal die mühsam aufgeladenen Strohballen durch seine Fahrweise innerhalb von wenigen Sekunden wieder abgeladen hatte war man schon etwas ungehalten aber er bekam noch eine Chance – als auch die Wirtin mitsamt den Strohballen vom Anhänger fiel war es allerdings vorbei. Der Höhepunkt der Ernte war das Abbrennen der Felder und da war er natürlich wieder dabei und auch gar nicht so ungeschickt: mit Bravour meisterte er die 3 Bedingungen: das Feuer sollte so gelegt werden, daß das eigene Feld völlig abbrannte, die Nachbarfelder sollten – vor allem wenn noch nicht geerntet war - verschont werden und selbst sollte man nie inmitten der Brandherde stehen.

Viel gibt es sonst über das Leben im Dorf des Abtes nicht mehr zu erzählen: eine relativ kleine und einfache Kirche mit einem schlichten Kirchturm – keiner dieser gotischen Meisterwerke – ein relativ großer Lagerhaussilo der sogar den Kirchturm um 7 Meter überragte, ein kleiner Sportplatz gleich in unmittelbarer Nähe und ein Freibad das erst neu gebaut wurde und im Sommer reglerechten Massenandrang auslöste und der Schmidabach, der seit seiner Regulierung ziemlich gemächlich in seinem geraden Bett dahinfloß. Gespannt lauschte er immer wieder den Erzählungen seiner Eltern, die noch den alten unregulierten Bach kannten, der regelmäßig über das Ufer trat und den kleinen Ort überschwemmte.

Wie gerne hätte er auch einmal ein richtiges Hochwasser erlebt mit Bootsausfahrten und alles was sonst noch dazu gehört: nur ein einziges Mal wäre es nach sintflutartigen Regenfällen fast soweit gewesen und nur wenige Zentimeter fehlten noch : K starrte von der Schmidabrücke auf den reißenden Bach und feuerte ihn an aber er schaffte es einfach nicht – die einsatzbereite Ortsfeuerwehr zog ebenfalls wieder ab wie der enttäuschte K.

Erwähnenswert ist noch daß dieser unbedeutende Ort just im Schnittpunkt von 4 Eisenbahnlinien liegt: die früher sehr bedeutende Franz-Josef Bahn von Wien nach Gmünd zieht sich durch den Ort genauso wie die 2 Nebenbahnen nach Krems und Stockerau und so kann man das Dorf des Abtes durchaus als Eisenbahnknotenpunkt bezeichnen, eingetragen auf allen wichtigen Karten und Plänen wo sonst eigentlich nur die Bezirkshauptstädte vermerkt sind.

In diesem Dorf verbrachte K. also die ersten unbeschwerten Jahre seiner Kindheit, drückte er die Schulbank, zerriß er die ersten Fußballschuhe, spielte er stundenlang mit Schwester und Freunden und machte die Heuböden und Schweineställe unsicher, war er leidenschaftlich gerne Ministrant und bewunderte er stundenlang fasziniert die vielen Züge die hier täglich quietschend anhielten um kurz darauf wieder in allen Windrichtungen auseinanderzustoben.

 

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